Lonely days of memories
Beitrag vom 2. April 2008 - Kategorie: Kurz erzählt
Unbewusst streicht Gordons Hand über das Klavier. „Hast lange nichts mehr geschrieben, mein Freund, sehr lange nicht.“ Hat er das wirklich laut gesagt? Hat er wirklich…? Nein, es waren bestimmt nur wieder Gedankenspiele. Ja, das tut er, er spricht in Gedanken mit sich selbst, aber nicht laut, nein, keinesfalls, so einsam kann doch keiner sein, dass er seine Stimme erhebt, um wenigstens einen Menschen sprechen zu hören. Nein. Nicht er.
Elisabeth hat eine schöne Stimme. Weich war sie, wenn sie mit ihm sprach, und voller Liebe. Wunderschön ist sie noch heute, wenn sie die Lieder singt, die Gordon schrieb.
Vorsichtig öffnet Gordon den Tastendeckel. Ein paar Etüden, Tonleitern, Akkorde, und dann die ersten Takte. „Something in my heard.“ Er wird nie den Tag vergessen, als Elisabeth es zum ersten Mal sang, neben ihm auf der Klavierbank sitzend, verzaubert von den Worten und der Melodie. Und ebenso vergisst er nie den Tag an dem sie ging.
Der Ton zerreißt die Melodie. Bei dem Gedanken an Elisabeths Adieu schlägt Gordon auf die Klaviatur. „Irgendwann bleibt Dir nichts als Deine Erinnerungen!“ Damit war sie gegangen. „Das ist nicht wahr! Ich habe mehr als das!“ Diesmal schreit er wirklich, voller Wut und Verzweiflung. Es sind die gleichen Worte, die er damals Elisabeth hinterher rief, durch die geschlossene Tür.
„Had to buy a new door, as you walked through the old one.”
Es waren glückliche Jahre mit Elisabeth. Sie sang seine Lieder und sie waren erfolgreich damit. Reisten von Auftritt zu Auftritt und besuchten Partys, wann immer sich die Gelegenheit bot. Die Platten verkauften sich hervorragend und die Fans verlangten nach immer mehr. Dann schrieb er „Something in my heard“ und es war perfekt. Kurz darauf brach er zusammen, wurde lethargisch und fand nicht mehr in sein Leben zurück. Es war vorbei.
„Flew through life like an aeroplane,
never thought,
never minded
it could end.”
Die Plattenfirma pochte auf den Vertrag und Elisabeth tat was sie konnte, um Gordon zu helfen. Er aber verkroch sich.
„Es geht nicht mehr, Elisabeth, ich kann nicht mehr.“
„Dann mach was anderes!“
„Ich KANN nichts anderes. Ich habe mein Leben lang Songs geschrieben. Und jetzt fällt mir nichts mehr ein.“
„Aber Du kannst auch nicht den ganzen Tag nur hier rumsitzen.“
„Ich sitze nicht nur rum.“
„Doch, das tust Du, seit einem halben Jahr schon. Du könntest Unterricht geben.“
„Quäkenden Kindern Klavierspielen beibringen? Elisabeth, bitte!“
„Du könntest mit mir zu meinen Auftritten fahren.“
„Und mich fragen lassen, wann der nächste Song kommt? Die mitleidigen Blicke ertragen, weil mir nichts mehr einfällt?“
„Gordon, Du musst etwas tun!“
Er schwieg.
„What can I tell you about my feelings, if I feel nothing inside?”
Wortfetzen nur. Ein paar Zeilen in seinem Kopf, die sich nicht mehr zu einem Lied zusammensetzen lassen. Ein paar Töne nur, die keine Melodie ergeben.
„Lonely days of memories“
Das wäre der perfekte Titel für ein neues Lied. Genau das konnte er jetzt fühlen, einsame Tage, in die er einfach so hineinlebte, in denen er keinen Sinn mehr sah und die er nur mit seinen Erinnerungen anfüllte.
Wie lange war Elisabeth nun fort? Zwei Jahre wohl oder etwas länger. Zwei verlorene Jahre. Genau wie die kommenden verloren sein werden, wenn er nicht jetzt, hier und heute, etwas ändert.
„Time to start the fight. Never know, if you will win, but you can’t find out, if you don’t try.”
Im Schein der Kerze setzt sich Gordon wieder ans Klavier. Nur dieser eine Song. Wenn er den schafft, kann das ein Anfang sein. Wenn er die ersten Takte hat, die Strophen, den Refrain, dann ist er wieder auf dem Weg. In kleinen Schritten zwar, doch auf dem Weg. Heraus aus diesen lonely days of memories…
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