Guernica – Protokoll eines Verbrechens

Beitrag vom 25. April 2008 - Kategorie: Mit offenen Augen

Songline, GuernicaAm 26. April 1937 zerstörten deutsche Bomben die baskische Stadt Guernica. Nur Wochen später schuf Pablo Picasso ein Mahnmal gegen das Vergessen.

Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, nur vereinzelte Wolken malen Bilder über der Stadt, die ruhig im Morgenlicht liegt. Doch die Szenerie in Guernica ist nicht so friedlich, wie sie auf den ersten Blick scheint. Spanien befindet sich im Bürgerkrieg.

Fast einhundert Jahre lang litt das Land unter Bürgerkriegen, Staatsstreichen und Putschversuchen. Auf der einen Seite versuchten Altmonarchisten, Großgrundbesitzer und die Armee, ihren Einfluss zu bewahren.
Auf der anderen Seite kämpften gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und verschiedene oppositionelle Gruppen gegen die hierarchischen gesellschaftlichen Strukturen. Sie wehrten sich gegen die Macht des Adels und der Kirche, gegen die Besitzverhältnisse (0,1 % der Bevölkerung besaßen mehr als ein Drittel des Landes) und gegen den Einfluss der Armee.

Seit 1931 war Spanien eine Republik mit einer vom Volk gewählten Regierung, doch auch danach gelang es nicht, die Volksgruppen zu versöhnen. Die Nationalisten waren weiterhin nicht bereit, ihre Machtansprüche aufzugeben und den Republikanern gingen die Reformen (u.a. die Landreform) nicht schnell genug. So verhärteten sich die Fronten weiter und jede der Gruppen bereitete sich auf einen neuen Kampf vor.

Nach der Neuwahl im Februar 1936 fürchtete die Armee einen Volksaufstand und wagte im Juli 1936 einen Putschversuch, um die brüchige Demokratie durch eine Militärdiktatur zu ersetzen. Doch das Vorhaben, Spanien schnell unter Kontrolle zu bekommen, scheiterte. Teile der Armee weigerten sich, sich an dem Putschversuch zu beteiligen und kämpften auf Seiten der Republikaner. Spanien stürzte in einen erneuten Bürgerkrieg, in dem die Nationalisten von Deutschland und Italien, die Republikaner von der Sowjetunion und 40.000 Freiwilligen aus 53 Ländern unterstützt wurden.

Im April 1937 haben die Truppen der Nationalisten etwa die Hälfte Spaniens unter Kontrolle gebracht. Die Republikaner halten den Osten Spaniens mit der Hauptstadt Madrid sowie das Baskenland. Doch dieses ist vom Rest des Landes abgeschnitten und spürt bereits die Folgen der Blockade. In Guernica sind die Lebensmittel knapp und die Lage verschlimmert sich weiter, weil immer mehr Flüchtlinge und versprengte Soldaten Schutz in der Stadt suchen.

Am Montag, den 26. April 1937 geht das Leben in Guernica seinen gewohnten Gang. Der Bäcker Antonio Arazamagni, der in der Nacht bei seinen Mehlsäcken schlief, um sie vor Diebstahl zu sichern, backt die übliche Anzahl Brote, tauscht einen Apfelkuchen gegen Benzin für seinen Wagen und liefert das Brot an seine Kunden aus. Zum Schluss fährt er zu einer Bekannten, um deren Tochter einen Geburtstagskuchen zu bringen. Das Mädchen wird 15 Jahre alt.

Der Feuerwehrmann Juan Silliaco geht mit seinem zwölfjährigen Sohn zum Bahnhof und setzt ihn dort in den Bus nach Bilbao, weil er den baldigen Einmarsch der nationalistischen Truppen befürchtet. Zuvor durfte sich der Junge noch von den beiden Pferden verabschieden, die im Brandfall den Feuerwehrkarren mit 300 Litern Wasser zur Einsatzstelle ziehen.

Im Kloster der Karmeliterinnen am Rande der Stadt assistiert die Krankenschwester Teresa Ortuz dem Stabsarzt Juan Cortéz im Lazarett. Immer mehr Soldaten mit schwersten Verletzungen sind zu versorgen, und immer häufiger sind auch Verbrennungen zu behandeln, die von Brandbomben herrühren.

Zur gleichen Zeit bereiten sich deutsche Fliegerstaffeln in den spanischen Städten Burgos und Vitoria auf den Angriff vor. Auf Wunsch von General Franco hatte Hitler selbst die Legion „Condor“ bereits zehn Tage nach Beginn des Bürgerkrieges nach Spanien entsandt und den Auftrag „Operation Feuerzauber“ benannt, nach der Schlussszene in Wagners „Walküre“.

Es sind mehrere Angriffswellen geplant, angeblich, um eine Brücke zu zerstören. An den Flugzeugen werden Sprengbomben befestigt, außerdem Splitterbomben und zu etwa einem Drittel 1-kg-Streubrandbomben, die bei der Detonation eine Hitze von 2.400 Grad Celsius erzeugen. Die Streubrandbomben wären geeignet, einen Lastwagen zu entzünden. Gegen eine Brücke aber sind sie wirkungslos.

Gegen 16.30 Uhr bricht über Guernica die Katastrophe herein. Die Deutschen beginnen mit dem Bombardement und werfen ihre todbringende Fracht aus einer Höhe von 2000 Metern. Eine Höhe, die für die gezielte Bombardierung einer Brücke völlig ungeeignet ist und hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung in Kauf nimmt.

Die ersten Sprengsätze detonieren auf dem Bahnhofsvorplatz, wo mehr als 300 Menschen auf den Zug nach Bilbao warten. Wenige Straßen weiter werden Frauen und Kinder von der einstürzenden Fassade eines Hotels erschlagen. Bald darauf stürzt die Feuerwache ein. Nach den Bombern kommen die Tiefflieger und strecken mit Maschinengewehrsalven die panisch flüchtenden Menschen nieder.

Die nächste Angriffswelle rollt. Keines der Flugzeuge zielt auf die Brücke. Die Formation fliegt v-förmig, um eine möglichst große Fläche zu treffen. Was die Bomben nicht zerschmettern, verbrennt später in der Feuerwalze, die sich durch Guernica frisst.

Nach dem dreistündigen Bombardement haben 43 deutsche Flugzeuge 40.000 Kilogramm Bomben über Guernica abgeworfen. Nicht eine einzige trifft die Brücke. Aber drei Viertel der Stadt sind zerstört.

Der Bäcker Antonio Arazamagni findet in einem Trümmerhaufen den am Morgen ausgelieferten Kuchen, fast unversehrt. Das Mädchen und seine Mutter aber sind tot.

Die Bombardierung Guernicas wäre wahrscheinlich längst vergessen, ebenso wie die Bombardierung Durangos vier Wochen zuvor, hätte nicht Pablo Picasso ein Mahnmal gegen den Krieg geschaffen, das jede andere Stadt zeigen könnte und doch den Namen Guernicas trägt.

Picasso hatte den Auftrag, ein Gemälde für die Weltausstellung 1937 in Paris zu schaffen. Und er überträgt all seine Abscheu gegen das Verbrechen in Guernica auf eine Leinwand von 3,50 Metern Höhe und 7,80 Metern Breite. 27 Quadratmeter Schrecken. 27 Quadratmeter verstörte Gesichter, den Mund zum Schrei geformt. 27 Quadratmeter in Weiß, Grau und Schwarz, weil die Ereignisse in Guernica nicht einen Tropfen Farbe rechtfertigen.

Wer „Guernica“ gesehen hat, dem brennen sich diese 27 Quadratmeter ins Gedächtnis ein, als ewige Anklage gegen den Krieg und den Terror. Das Original des Bildes hängt in Madrid, eine Kopie bei der Uno in New York.
Sie sollten klüger geworden sein, die Herrschenden der Welt, in diesen 70 Jahren seit Guernica. Doch die Kriege gehen weiter ebenso wie das Morden. Es werden immer noch Bomben geworfen und unsägliches Leid über die Zivilbevölkerung gebracht.

Als der US-amerikanische Außenminister Colin Powell im Februar 2003 vor die Uno trat, um den Krieg gegen den Irak zu begründen, zeigten die Fernsehkameras aus aller Welt „Guernica“ nicht. Man hatte das Bild mit der UN-Flagge verhüllt. Im Angesicht des Bildes wäre ein weiterer Krieg nicht zu rechtfertigen gewesen. Und so setzt sich das Grauen von Guernica immer weiter fort. Bis heute.

Literatur: Reportage „Guernica – Als Hitlers Bomber über Spanien kamen“ in GEO 05/2007


Bildquelle: Songline
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