Point Zero

Beitrag vom 7. Mai 2008 - Kategorie: Kurz erzählt

wtcLangsam zieht der Nebel durch die Straße von Chicago.
Hinter dem Krankenhaus, ganz nahe bei dem warmen Abluftschacht, umspielt er die Füße des Mannes, der dort schläft, dick vermummt in mehrere Lagen Kleidung. Noch hat der Mann ihn nicht bemerkt, noch dringt die Feuchtigkeit nicht durch den alten Schlafsack, der ihm schon seit vielen Jahren gute Dienste leistet. Doch bald darauf ist dieser Mann vom Nebel völlig eingehüllt. Und dessen feinste Tröpfchen bahnen sich den Weg in seine Lunge. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. “Steh auf George, es wird Zeit zu gehen.”

Die paar Habseligkeiten sind schnell eingepackt. Und George bricht auf, folgt dem gewohnten Weg, noch in der Dunkelheit der Nacht. Ein neuer Tag, wie viele schon zuvor, und doch ganz anders. Weil gestern alles anders war.

Wie schön sie war, trotz ihres Alters, immer noch. Gestern schien die Sonne in ihr Haar, im Park, als er sie sah.

George geht an der Adams Street entlang zum Park. Er sieht die Hand vor Augen nicht in diesem Nebel, der Straßenlampenlicht zerstreut und buntes Neonlicht zum Mosaik zerteilt. Doch. Es war richtig, was er damals tat. Dem zu entfliehen, was die anderen Leben nannten.

Ungläubig hatte sie ihn angestarrt, minutenlang, so wie er sie, ob dieser unerwarteten Begegnung. Dann brach nur “George!” aus ihr heraus und die Beklemmung löste sich in ihren Tränen. Er stand nur da, unfähig sich zu regen. Unfähig, sie zu trösten, ihr zu erklären, was geschehen war. Wie lange wohl? Sein Zeitmaß war schon längst nicht mehr die Uhr. “Jen!” Irgendwann fing sich seine Schwester Jennifer.

“Da bist du ja.” George frühstückt auf der Bank im Park, wie jeden Tag. Und wie gewöhnlich lädt er Tinker zu sich ein, den Kater, der sein Freund ist. “Jaa, natürlich hab ich was für Dich dabei.” Wie anders ist das Frühstück heute im Vergleich zu damals. Kein Blick zur Uhr, kein Rührei im Vorübergehen, auch nicht die Angst, mit einem Kaffeefleck den Anzug zu beschmutzen. Nicht die Termine schon im Kopf, die Kunden, die Verhandlungen. Nicht den Erwartungsdruck des Chefs und der Kollegen. Nur dieser Kater hier, dem es egal ist, was er trägt und der vor allem schweigen kann. Doch, es war die richtige Entscheidung.

George krault ganz ruhig Tinkers Nacken, so wie der es mag. Es war ein plötzlicher Entschluss, damals, vor 6 Jahren. So plötzlich wie die Explosion, nachdem das Flugzeug in das Hochhaus eingeschlagen war. “Mein Gott, ich komm hier nicht mehr raus.” Er war schon aufgesprungen. “Wenn ich nur… Ja, was wäre wenn? Ich würde alles anders machen, nicht mehr diesen Job, nicht diese Stadt, nicht dieses Leben, das in Wahrheit keines ist.” Nicht ein Moment des Zweifels. „Raus hier, raus!“ Ja, raus, doch nicht sofort. Er hatte seinen Schreibtisch angestarrt, die Kassenbücher und die Rechnungen, die darauf lagen. Und ohne Zögern kehrte er zurück auf seinen Stuhl und wies sich selbst das Geld an, das er brauchte.

„Warum? George, sag mir nur, warum?“ Jen sah ihn flehend an.
„Es tut mir leid.“
„Wie konntest du…?“

Gestern tat es weh, sie so zu sehen. Ihren Schmerz zu spüren, den er all die Jahre verdrängt hatte. Er war einfach so gegangen und hatte Jen in dem Glauben gelassen, er sei tot. Umgekommen wie all die anderen in den einstürzenden Türmen. Und irgendwie war es ja auch so. Der alte George war tot. Der alte George hatte New York verlassen und bei Null wieder angefangen. Im Sommer unterwegs durchs ganze Land, im Winter in einer der Städte. Welche auch immer gerade an seinem Weg lag. Anfangs hatte er sich im Winter ein Zimmer genommen. Doch seit zwei Jahren blieb er auch im Winter weitgehend draußen auf der Straße. Nur dort war er sein eigener Herr. Frei von Frühstückszeiten, frei von polternden Mitbewohnern, frei von dem Zwang, sich an der Rezeption eintragen zu müssen. Frei zu kommen und zu gehen, wann immer er wollte.

“Bist Du glücklich?”, fragte Jen.
“Ja, das bin ich. Ich habe alles was ich brauche.“
„Du könntest ab und zu bei mir vorbeischauen.“
„Ja.“

Jen wohnt nun also in Chicago. Ja, er könnte bleiben, um sie von Zeit zu Zeit zu sehen. Oder gehen, wie er es nun seit Jahren tut. Ohne nach jemandem fragen zu müssen.
“Und, Tinker, bist Du satt? Jaa, das war gut, mein Freund, nicht wahr?“

George steht auf und schultert seinen Rucksack. Der Nebel hat die Mütze längst durchnässt, die er zum Schutz vor Kälte trägt. Zeit, sich auf den Weg zu machen. Die Armenküche aufzusuchen und warme Suppe zu erbitten. Als er sich umdreht hört er Tinker maunzen. „Mach’s gut, mein Freund“, sagt George und geht dann fort.

Verschwindet schnell im Nebel in den Straßen von Chicago.


Bildquelle: Songline, WTC
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