Die andere Seite des Schreibtischs
Beitrag vom 21. Mai 2008 - Kategorie: Erlebtes
Erinnerung an einen besonderen Menschen, der eine Spur hinterlassen hat …
Der Anruf kam am späten Vormittag. Albert war am Apparat. Sie kannten sich seit der Zeit, als sie beide im Sozialamt eingesetzt waren. Das war nun schon mehr als zehn Jahre her und ihre beruflichen Wege hatten sich längst getrennt. Doch beiden war diese Zeit aus verschiedenen Gründen in guter Erinnerung.
Die Begrüßung fiel kurz aus. Er tastete sich eher vorsichtig an den Grund seines Anrufes heran: „Andrea, Peter S. ist gestorben. Ich dachte, Du würdest es wissen wollen, weil ihr beide doch …“ Sie hatte schon gleich nach der Nachricht nicht mehr richtig zugehört. „Woher weißt Du´s?“, fragte sie. „Die Kollegen aus Neuss haben eben angerufen, wegen der Beerdigungskosten, Du weißt schon. Na ja, jedenfalls dachte ich, ich sag´s Dir.“ „Danke, ja, Du hast Recht, ich möchte es wissen. Mach´s gut.“ Sie legte auf.
Sie nahm ihre Arbeit wieder auf. Versuchte es zumindest, doch brachte sie keinen klaren Gedanken zusammen. „Durchatmen“, dachte sie und spürte die fragenden Blicke ihrer beiden Kollegen, die ihren plötzlichen Stimmungswechsel bemerkt hatten. „Das war Albert. Peter S. ist tot.“ Sie stand auf. „Ich gehe mal eine Etage höher.“ Sie wusste, dass sie nicht mehr erklären musste, denn auch einer ihrer jetzigen Kollegen hatte Peter S. gekannt.
Sie wollte allein sein und oben gab es einen Raum, in dem sie es konnte. Seltsam. Peter S.. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht, würde auch nicht zu seiner Beerdigung gehen und doch berührte sein Tod sie unerwartet stark. Dann kamen ihr die Bilder wieder in den Sinn. Sie sah sich im Sozialamt sitzen, auf ihrer Seite des Schreibtischs, und diejenigen, die sie betreute, auf der anderen Seite. Bis zu 150 „Fälle“ hatte sie zeitweise, einige Rentnerinnen, viele Alleinerziehende und ein paar alleinstehende junge Männer, die sie in Arbeit zu bringen versuchte. Und Peter S.
Peter S. gehörte nicht dazu. Nicht zu denen, die auf ihrer Seite des Schreibtischs waren und nicht einmal zu denen, auf der anderen Seite. Denn Peter S. hatte nicht nur keine Arbeit und zu wenig Geld, sondern auch kein Dach über dem Kopf. Ein „Durchreisender“ also im offiziellen Sprachgebrauch.
Für die Durchreisenden musste man keinen Antrag aufnehmen. Sie kamen immer nur kurz herein, legten ihren Ausweis vor, mit dem Aufdruck „ohne festen Wohnsitz“ und bekamen mittags ihr Geld ausgezahlt. Manche verschliefen die Wartezeit vor dem Büro. Manche roch man schon, bevor man sie sah. Manche hinterließen gelbe Flecken auf dem Flurteppich. Manche pöbelten im Büro herum, benebelt vom Alkohol und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Und die meisten hatten Augen, deren leerer Blick die Strapazen ihres Lebens nur annähernd vermuten ließ. Kaum einer sprach ein Wort mehr, als unbedingt nötig war.
Das war schon ein seltsames Volk, diese Durchreisenden.
Peter S. gehörte nicht dazu. Auch hier nicht. Wohnungslos ja, aber nur selten von Gerüchen umweht. Niemals gelbe Flecken hinterlassend. Und mit Augen, aus denen trotz allem die Lebensfreude sprühte. Immer freundlich. Immer ein nettes Wort auf den Lippen.
Immer unaufdringlich, selbst dann, wenn er zu viel getrunken hatte. Von Anfang an. Ein Mensch, der noch zeigen konnte, dass er ein Mensch war. Der ihr half, auch das Menschliche in den anderen Durchreisenden zu sehen.
Das war es, was sie an ihm mochte. Ihre Kolleginnen waren entsetzt, als sie einmal sagte, sie finde ihn nett. Aber es war ihr egal.
Er kam jeden Tag. Es gibt Durchreisende, die ziehen nicht täglich in eine andere Stadt, sondern bleiben längere Zeit an einem Ort. Sie freute sich auf ihn, so wie er sich auf sie, ohne dass sie es je ausgesprochen hätten. Sie war nicht nur seine Sachbearbeiterin. Und er war nicht nur einer ihrer Fälle. Sie waren einander der Grund für ein Lächeln.
Eines Tages kam er mit einem Geschenk. Es war ihr peinlich, denn sie verdiente genügend Geld und er hatte nur seinen Tagessatz. Nein, sie solle es nehmen, sagte er, er habe es extra für sie gemacht. Sie öffnete das Papier. Ein Stickbild kam zum Vorschein, ein gestickter Vogel auf braunem Leinen. Sie wusste nicht was sie sagen sollte, doch er sah die Tränen der Rührung in ihren Augen, lächelte und ging. Sorgsam legte sie das Bild in die Schreibunterlage. Dieses Geschenk war wertvoll, denn es steckte viel Herzenswärme darin.
Dann bekam er eine Chance. Eine Arbeit, die er machen durfte, ABM, ein halbes Jahr. Und er nutzte sie. Nutze sie, um wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben, fand eine Frau, die ihn aufnahm, führte ein „normales“ Leben, ein Leben auf ihrer Seite des Schreibtischs. Sie freute sich so sehr für ihn.
Danach sah sie ihn noch manchmal in der Fußgängerzone, gut angezogen, sauber, und sie grüßten sich freundlich. Später sah sie ihn nicht mehr. Er sei nun in der Nachbarstadt, hieß es, und wieder obdachlos. Irgendwann verschwand er aus ihren Gedanken. Doch den Vogel auf Leinen hatte sie immer noch, nahm ihn mit in jedes Büro, das sie danach bezog. Als Erinnerung daran, wie schnell man auf die andere Seite des Schreibtischs geraten konnte. Und wie es einem dort erging. Und dass man dennoch immer noch ein Mensch war.
Und nun war da dieser Anruf. Sie spürte die Tränen in ihren Augen. „Mach´s gut Peter“, sagte sie. Und war sich sicher, dass er auf seiner Himmelswolke saß, hinunterblickte
und lächelte.
Für Peter
Und für die, die noch hier sind.
Bildquelle: Songline
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