Wo sind die Gedanken, wenn man tot ist?

Beitrag vom 24. Mai 2008 - Kategorie: Erlebtes

abydosgeo.jpgErwartungsvoll schaust du mich aus Deinen Kinderaugen an. Und ich muss erst einmal schlucken.
Nun gut, ich kenne es nicht anders. Seit Du sprechen kannst, stellst Du tausend Fragen, machst Dir Gedanken über dieses und jenes und möchtest unsere Meinung, wenn Du selbst nicht weiterkommst.

“Mama, für eine Eintagsfliege ist die Zeit doch anders, oder? Was für uns nur ein Tag ist, ist doch für eine Eintagsfliege ganz lang, das ganze Leben. Die wird doch alle 5 Minuten ein Jahr älter!”
“Ja Schatz, da hast Du Recht. Die Zeit ist relativ, für uns ist ein Tag relativ wenig und für eine Eintagsfliege relativ viel. Aber es bleibt trotzdem der gleiche Tag. Also ist die Zeit eigentlich doch fest, sie kommt uns nur unterschiedlich lang vor.”

Ich merke, dass ich mich in meiner eigenen Argumentation verrenne. Das bleibt nicht aus, wenn man es mit einer philosophierenden Tochter zu tun hat. Mmmh. Ist die Zeit nun relativ oder statisch? Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir Albert Einstein zu Hilfe, der könnte das jetzt sicher beantworten.

“Und wo sind die Gedanken, wenn man tot ist?”

Jetzt wird es kritisch. Die Frage ist wichtig und schwierig zugleich. Denn es gibt mehr als eine Antwort darauf. Ich versuche, das zu erklären:
“Wenn Du den Papa fragen würdest, dann würde er sagen, dass keine Gedanken mehr da sind, wenn man tot ist, weil ja dann nichts mehr da ist, was denken kann. Aber ich glaube, dass der Mensch einen Körper und eine Seele hat. Der Körper ist alles, was man sehen und anfassen kann. Und die Seele ist das, was dich ausmacht, das, wie Du bist und denkst und fühlst, das, was Dich einzigartig macht.”
“Wo ist denn meine Seele - im Gehirn?”
“Ich denke, die Seele ist überall in dir drin.”
Du siehst mich zweifelnd an und versuchst, das zu verstehen. Ich fahre fort:
“Weißt Du, ich glaube, dass man nicht völlig tot ist, wenn man stirbt. Ich glaube, dass der Körper tot ist, aber die Seele weiterlebt.”
Deine Augen weiten sich.
“Ich glaube, dass sich die Seelen von allen Leuten, die gestorben sind, irgendwo wiedertreffen. Vielleicht im Himmel bei Gott, vielleicht woanders. Und wenn die Seele weiterlebt, kann sie auch noch Gedanken haben.”
“Aber meine Gedanken sind doch im Gehirn und das ist dann tot.”
“Wodurch kommen denn Deine Gedanken in Dein Gehirn? Was macht, dass Du genau jetzt wissen möchtest, wo die Gedanken sind, wenn man tot ist?”
“Keine Ahnung.”
“Siehst Du, ich weiß es auch nicht. Irgendetwas lässt Dich jetzt gerade darüber nachdenken, während alle anderen Leute sich andere Sachen überlegen. Meinst Du, Dein Gehirn kommt von allein auf diese Frage?”
“Weiß nicht.”
“Ich weiß es auch nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass Deine Seele da mitmischt. Du bist interessiert, Du möchtest alles wissen. Das macht Dich aus. Und darum kommst Du auf solche Fragen. Wenn aber solche Fragen und Gedanken zu Dir gehören, hättest Du sie auch, wenn Du in einem ganz anderen Körper stecken würdest, oder? Und dann könntest Du sie auch noch haben, wenn der Köper tot und Deine Seele woanders ist.”

Jetzt brauchst Du Zeit. Zeit, um allein darüber nachzudenken, ob Du noch die gleiche wärest, wenn du jemand anders wärst. Die Frage hatten wir schon einmal. “Wäre ich auch ich, wenn ich ganz andere Eltern hätte und woanders wohnen würde?”

Ich gebe Dir alle Zeit der Welt. Zeit, die Welt zu entdecken. Zeit, Dein eigenes Weltbild zu entwickeln. Zeit, das Leben wissenschaftlich zu untersuchen und vielleicht dabei festzustellen, dass mit dem Tod alles vorbei ist und Mama in einer Wunschvorstellung verharrt, die zwar tröstlich, aber unrealistisch ist.

Doch wer kann das wirklich wissen?


Bildquelle: Songline, Tempel von Abydos
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Kommentare:

1 Kommentar to “Wo sind die Gedanken, wenn man tot ist?”

    Kleo am 5. Dezember 2009 15:11

    Weil Du Gott erwähnt hast,nehme ich an Du glaubst an Ihn.Wenn es so ist,das Er uns erschafen hat,weis Er am besten wo unsre Gedanken sind, wenn wir tod sind. also beschöftige dich mehr mit gott, erfahre mehr über ihn und dann kannst du deinem kind antworten.

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