Anders

Beitrag vom 25. Mai 2008 - Kategorie: Mit offenen Augen

morser-pixelio-motograf.jpgDer Vater legt Angela beruhigend die Hand auf die Schulter. Es wird schon werden. Sie ist ein kluges Kind und daher dürfte es kein Problem sein, das Gymnasium zu besuchen, so wie sie es sich wünscht. Sie stehen im Zimmer des Rektors. Es ist eine gute Schule in ihrer Heimatstadt Hannover, ganz in der Nähe der Straße, in der sie wohnt. Sie könnte zu Fuß zur Schule gehen.

Der Rektor sieht ihren Vater an. Angelas Blick weicht er schon seit Minuten aus, schon seitdem sie das Zimmer betreten haben und er erkannte, dass sie anders ist. Angela teilt die Menschen in zwei Kategorien ein, die Starrer und die Weggucker. Der Rektor ist ein Weggucker, einer von denen, die sie nur kurz ansehen und dann ihren Blick abwenden, als würde das was sie sehen verschwinden, wenn sie es ignorierten. Die Starrer hingegen saugen sich an ihr fest, lassen sie nicht mehr los mit ihren großen Augen und sind selbst gefangen in ihrer Fassungslosigkeit. Wenn sie doch wenigstens etwas sagen würden. Aber sie schweigen nur. Beide schweigen gleichermaßen, die Starrer und die Weggucker.

Der Rektor räuspert sich. Nein, es täte ihm sehr leid, aber unter diesen Umständen, das müsse der Vater doch verstehen, darauf sei man hier nicht eingerichtet, und wie solle das denn gehen und sicher sei Angela ein intelligentes Kind, aber so etwas habe man ja noch nie…

Angela hört nicht mehr zu. Sie wusste, dass es so kommen würde. Schon die Grundschulen wollten sie zunächst nicht aufnehmen und sie musste ein Jahr lang die Sonderschule besuchen, bevor Ihre Eltern eine Rektorin fanden, die Verständnis hatte und Angela eine „normale“ Schule besuchen ließ, eine Stunde Fahrt von zu Hause entfernt. Morgens eine Stunde, mittags eine Stunde, aber das war es ihr wert. Und nun?

Nun würde eine Stunde Fahrt nicht mehr genügen. Der Rektor bedauert außerordentlich und der Vater, langsam zermürbt von den vielen Absagen, wendet sich zum Gehen. Er könnte versuchen, Angelas Schulbesuch hier einzuklagen, aber wie viel Zeit und Nerven würde das kosten? Und welches Gefühl wäre das für Angela, eine Schule zu besuchen, auf der sie im Grunde ungewollt ist. Nein. Die andere Lösung ist die bessere.

In der Tür dreht sich der Vater noch einmal um. „Haben Sie Kinder?“, fragt er den Rektor. „Ja.“ „In Angelas Alter?“ „Ja.“ „Wissen Sie, Angela fehlen nur ihre Arme. Doch Ihnen fehlt Ihr Herz.“ Dann gehen sie.

Angela weiß, was das heißt. Sie wird das Gymnasium besuchen, aber nicht dieses hier. Dieses nicht und keines in ihrer Nähe. Sie muss nach Hessen, ins Internat. Auf nur eines von zwei Gymnasien in ganz Deutschland, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Eines von zwei Gymnasien in ganz Deutschland, die Contergan-Kinder aufnehmen.

***

1957 kam das Schlafmittel „Contergan“ mit dem Wirkstoff „Thalidomid“ auf den Markt. Es galt als harmlos und wurde daher auch schwangeren Frauen empfohlen. 1960 und 1961 wurden immer mehr Kinder geboren, denen Gliedmaßen fehlten und deren innere Organe beeinträchtigt waren. Zunächst hatte man eine Erbkrankheit vermutet, doch der Humangenetiker und Kinderarzt Widukind Lenz konnte den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan in den ersten Schwangerschaftsmonaten und den Fehlbildungen nachweisen. Am 15. November 1961 informiert Lenz den Forschungsleiter der Herstellerfirma Grünenthal, Heinrich Mückter, über seinen Verdacht und forderte, alle Thalidomid-haltigen Produkte aus dem Handel zu entfernen. Juristisch umsichtig schickt er einen Tag später ein Einschreiben an die Firma, in welchem er seine Vermutung begründet. Lenz wurde deswegen sowohl von Grünenthal als auch von anderen Forschern attackiert und im Prozess gegen Grünenthal wegen angeblicher Befangenheit als Sachverständiger entlassen. Gleichwohl ist es ihm zu verdanken, dass Contergan zurückgezogen wurde.

Heute finden Medikamente mit dem Wirkstoff Thalidomid Anwendung zur Behandlung von Krebs und Lepra. Infolge unzureichender Aufklärung von Schwangeren vor allem in Entwicklungsländern werden aber auch heute noch Contergan-Kinder geboren.

Hinsichtlich der Verschulung körperbehinderter Kinder hat sich seit dem Contergan-Skandal viel getan. Eine Vielzahl von Schulen in ganz Deutschland nimmt auch körperbehinderte Kinder auf. Aber in den sechziger Jahren bedeutete eine Körperbehinderung, dass entweder eine Sonderschule oder ein besonderes Internat besucht werden musste.

Links:

Interview mit dem contergangeschädigten Bariton Thomas Quasthoff

Bericht über die contergangeschädigte Lehrerin Bärbel Drohmann


Bildquelle: © motograf / Pixelio
Link zum Thema: Linkliste zum Thema Contergan
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