Nebel über dem Fluss
Beitrag vom 25. Mai 2008 - Kategorie: Kurz erzählt
Die Kälte des frühen Morgens bahnt sich ihren Weg durch deine Kleidung. Es ist nur ein kurzer Weg von der Haltestelle bis in dein Büro, keine zehn Minuten Fußweg, doch ich sehe an deinem Frösteln, dass du den Winter spürst, trotz der dicken Jacke, die dich schon seit Monaten schützt. Auf der Brücke über dem Fluss blickst du erstaunt auf: Nebel steigt vom Wasser hoch, kriecht durch das Flussbett, die Böschung hinauf, durch die Sträucher, hüllt selbst dich auf der Brücke noch ein und verliert sich erst ein paar Meter über dir. Ein seltsames Schauspiel.
Du bleibst stehen, genau hier, eingehüllt in den Nebel, fern vom Rest der Welt um euch herum. Der Nebel ist dein Freund an diesem frühen Morgen, er verdeckt was hinter dir liegt und was dich erwartet, er gibt nicht einmal den Blick auf den Fluss frei. Ich stell mir vor, was dich nun bewegt. “So müsste es immer sein:”, mag es sein, “eingehüllt sein, geschützt, ganz für mich, ohne meine Vergangenheit und ohne das, was auf mich zukommt.” Du bemerkst mich nicht und umarmst dich selbst, gedankenverloren. Du kannst dich gut in dir geborgen fühlen.
Abrupt setzt du deinen Weg fort. Nicht auszumachen, warum dein Lächeln plötzlich schwand, dein Körper sich merklich straffte, deine Schritte nun so bestimmt auf den Asphalt treffen, dass kein Zweifel an einer festen Absicht aufkommt. Stark wirkst du nun, nicht mehr verträumt, verletzlich. Noch vor einer Minute hätte ich dich in den Arm nehmen können, doch nun bist unnahbar, unansprechbar.
Wer bist du? Was spielst Du?
Am Ende der Brücke trennen sich unsere Wege. Tag für Tag. Du siehst mich nicht, machst Dir keine Gedanken und es ist dir egal, dass wir täglich an derselben Haltestelle aussteigen. Den Kopfhörer im Ohr lebst du in deiner eigenen Welt. Und ich in meiner. Nur einmal bin ich dir gefolgt, aus reiner Neugier, wie ich auch schon anderen gefolgt bin, nur um zu sehen, wohin ihr Weg sie führt, von der Haltestelle aus.
Du wirkst müde an vielen Tagen. Übernächtigt. Als gäbe es da etwas, was dich nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich kenne das auch, weißt du? Ich weiß wie es ist, wenn die Gedanken immer wieder um dasselbe Thema kreisen und mir den Schlaf rauben dabei. Oft stehe ich auf, mitten in der Nacht, und wandere in meiner Wohnung auf und ab. Als ob das irgendetwas ändern würde. Als ob ich nicht selbst wüsste… Egal. Es mag ein Hirngespinst von mir sein, dass es dir genauso geht. Aber weißt du, da ist etwas an dir…
Wir werden nie darüber reden, denn wir sind nur zwei Menschen, die an derselben Haltestelle aussteigen. Aber ich freue mich, dass du wenigstens heute Geborgenheit erfahren hast.
Geschenkt von dir selbst, im Nebel über den Fluss.
Bildquelle: © Amadeus Schubert / Pixelio
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