Dialog mit James Blunt
Beitrag vom 20. Juni 2008 - Kategorie: Kurz erzählt
Manche Lieder berühren uns so sehr, dass wir am liebsten darauf antworten würden. Warum tun wir’s nicht einfach? Hier kommt meine Antwort. Auf “Same mistake” von James Blunt.
~ ~ ~
Siehst nicht gut aus, mein Freund. Es hat Dich wieder gepackt, nicht wahr? Nun, wir kennen sie beide, diese Zeiten des Absturzes, in denen das Leben wie ein Film an uns vorbeizieht und wir nicht mehr Teil davon sind. Aber Deine Abstürze sind häufiger und intensiver als es meine je waren.
There is no place I cannot go
My mind is muddy but
My heart is heavy, does it show
I lose the track that loses me
So here I go
Hast wieder Angst, Dich zu verlieren. Kommst Dir wertlos vor und isolierst Dich von den Menschen, die Dich lieben. Möchtest weinen und kannst es nicht, schreien, doch der Ton erstirbt in Dir, noch bevor Du den Mund geöffnet hast.
Remember rights that I did wrong
So here I go
Das ist es, was Dich fesselt, nicht wahr? Dass Du nur über Deine Fehler nachdenkst, Dich in Selbstvorwürfen zerfrisst, anstatt die Dinge zu sehen, die Du erreicht hast. Und Du hast vieles erlebt und erreicht, um das Dich andere beneiden. Doch all das gibt Dir nichts, nicht wirklich. Denn es war nie genug. Es war nie das, wonach Du eigentlich gesucht hast. Und Du weißt das. Im Grunde weißt Du, dass Du das, wonach Du suchst, niemals finden wirst. Nicht von denen, von denen Du es Dir wünschst.
Hello, hello
Ich höre Dich, mein Freund. Ich hab Dich immer gehört, schon Deinen ersten Schrei, lange bevor Du mich überhaupt wahrgenommen hast. Und vom ersten Moment an hatte ich Dich lieb. Weißt Du, ich kann das: Menschen einfach lieb haben, aufgrund eines Wortes oder eines Blickes. Aufgrund eines Gefühls, das sie in mir auslösen. Einfach so.
And so I sent some men to fight,
And one came back at dead of night,
said “Have you seen my enemy?”
said “he looked just like me”
So I set out to cut myself
And here I go
Du siehst es, nicht wahr? Du siehst, dass Du der einzige bist, der noch gegen Dich kämpft. Die anderen sind lange fort, verschwunden vom Schlachtfeld der Vergangenheit. Nur Du stehst noch dort und wartest darauf, dass sie zurückkommen. Damit Du nun, wo Du Dich stärker wähnst, die Schlacht vielleicht gewinnen kannst. Damals warst Du zu schwach. Hattest keine Chance. Aber heute, heute glaubst Du, dass Du sie schlagen könntest, Deine Feinde, doch die sind längst weitergezogen. Warte nicht länger auf sie. Du hast die Schlacht verloren, die Kanonen sind längst verraucht. Aber Du lebst und könntest heimgehen.
There is no place I cannot go
Oh doch, und das weißt Du. Du hast ein Heim, das Dir ein Zuhause sein könnte. Wenn Du nicht immer noch meinen würdest, kämpfen zu müssen.
I’m not calling for a second chance,
I’m screaming at the top of my voice,
Give me reason, but don’t give me choice,
Cos I’ll just make the same mistake again.
Was erwartest Du von mir? Den Grund, heimzugehen, kannst Du Dir nur selbst geben. Ich soll Dir keine Wahl lassen, damit Du nicht den gleichen Fehler noch einmal machst? Verdammt, werd’ endlich erwachsen. Du bist nicht mehr 5 Jahre alt. Ich kann Dich nicht an die Hand nehmen, und Dir Dein Leben lang den Weg weisen, denn dann wäre es mein Weg und nicht Deiner. Ich gehe ein Stück mit Dir, aber egal, ob wir uns dabei an der Hand halten oder nicht: Wir halten uns nicht fest. Wir zwingen uns den Weg nicht auf und an jeder Kreuzung entscheidet jeder von uns, in welche Richtung er weitergehen möchte.
And maybe someday we will meet
And maybe talk and not just speak
Du hast es also gemerkt? Du merkst, dass wir uns seit Monaten nur noch oberflächlich unterhalten und nicht mehr miteinander reden? Dir ist aufgefallen, dass ich Deine Frage, wie es mir geht, immer an Dich zurückgebe, weil ich mein Innerstes nicht mit Dir teilen möchte? Nein, wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich sprichst Du wieder nur von Dir. Denn Du tust das gleiche: Unterhältst Dich mit mir über Belanglosigkeiten, anstatt über die wichtigen Dinge.
Don’t buy the promises ’cause
There are no promises I keep
Ja, ich weiß, denn es war immer schon so. Ich erwarte schon lange nicht mehr, dass Du irgendeines Deiner Versprechen hältst. Ich hatte einmal die Hoffnung, dass sich das ändern würde, aber Du hast mich gelehrt, dass mein ewiger Optimismus an Dir scheitert.
I’m not calling for a second chance,
I’m screaming at the top of my voice,
Give me reason, but don’t give me choice,
Cos I’ll just make the same mistake again.
Du wiederholst Dich, mein Freund. Immer und immer wieder. Drehst Dich im Kreis und kommst nicht heraus. Schreist um Hilfe und lehnst sie ab, wenn sie kommt. Möchtest einen Grund und weißt genau, dass Du Dir den Grund nur selbst geben kannst. Willst, dass ich Dir keine Wahl lasse und würdest doch genau das Gegenteil von dem tun, was ich Dir sage. Nein, mein Freund, so einfach ist es nicht.
Der einzige Mensch, der Dich retten kann, bist Du selbst.
And I wonder where, did I go wrong.
Verschwendete Zeit. Verschwendete Zeit, darüber nachzudenken, ab wann es schiefgelaufen ist. Denn die Wahrheit ist: Es läuft jeden Moment schief. Jeden Moment, in dem Du über diese Frage nachdenkst, anstatt Dir selbst einen Grund zu geben, es anders zu machen. So einfach ist das.
And maybe someday we will meet
And maybe talk and not just speak
Nun haben wir miteinander geredet, nicht wahr? Aus der Ferne, wie schon so lange, weil wir die Nähe nicht mehr ertragen. Aber immerhin, wir reden wieder.
Und nun? Nun sehe ich in Dein Gesicht und ich merke, Du bist gar nicht da. Ich bin nur ein Teil des Films, der an Dir vorüberzieht während Deiner Abstürze. Und nichts wird sich ändern. Was ich sage, ändert nichts und was ich tue, ändert auch nichts.
Denn der einzige Mensch, der Dich retten kann, bist Du selbst.
Bildquelle: © DrakeLeLane / Wikipedia
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