Die zerstörte Illusion
Beitrag vom 29. Dezember 2008 - Kategorie: Erlebtes
Ich wollte ins Kapitalgeschäft einsteigen. Doch nun wird nichts draus. Und mein Mann ist Schuld.
Die Idee kam mir bei der Morgenlektüre: „Die amerikanische Notenbank FED senkt den Zinssatz auf 0 bis 0,25 Prozent“, stand da. Heißt übersetzt: Man bekommt Geld umsonst. Bald wird es soweit sein, dass man mehr Geld bekommt, als man zurückzahlen muss, aber soweit sind wir noch nicht.
Jedenfalls verleiht die FED, um der Wirtschaftskrise Einhalt zu gebieten, Geld zum Nulltarif. Und da kam mir gleich die Idee, 1 Million Euro aufzunehmen, für 4% anzulegen und vom Zinsgewinn zu leben. Das dürfte eigentlich kein Problem sein, denn mein Mann unterhält ausgezeichnete Verbindungen zu Frau Vau, die unsere Kundenbetreuerin in der hiesigen Provinzbank ist und von der ich immer vermute, dass mein Mann eines Tages mit ihr durchbrennt. Die beiden machen nämlich bisweilen Geschäfte ohne mich, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Mit meiner Idee konfrontiert, erklärte mein Mann, dass die amerikanische Notenbank das Geld nicht an Privatpersonen verleiht, sondern nur an Banken. Ist ja nicht schlimm, sagte ich, soll doch Frau Vau das Geld für die Bank leihen und an uns weitergeben, sagen wir zum Kreditzinssatz von 2%. Dann macht die Bank ein Geschäft, nämlich 2% Kreditzinsen von uns, und wir machen auch ein Geschäft, weil wir 4% Zinsen bekommen, aber nur 2% bezahlen müssen.
2% von 1 Million Euro sind im Jahr 20.000 Euro, das wäre doch nicht schlecht.
In diesem Moment hielt ich inne. 20.000 Euro? Und dafür der ganze Aufwand? Das lohnt sich doch nicht! Ich beschloss also flugs, 1 Milliarde Euro von der FED zu leihen, macht 20 Millionen Euro Gewinn für die Bank und 20 Millionen für uns. Jedes Jahr. Nicht kleckern, sondern klotzen, so machen doch die Banker das auch. Von den 20 Millionen würde ich auch was für Bedürftige abgeben, denn, seien wir mal ehrlich, soviel braucht ja niemand für sich allein. Jedenfalls nicht unsereins, der von Haute Couture und Segelbooten und Hauspersonal keine Ahnung hat.
Mein Mann runzelte die Stirn. Er wisse ja nicht, ob die FED das Geld auch an europäische Banken gebe. Meine Güte, immer diese Bedenken! Das lässt sich doch durch einen Anruf in den USA einfach klären und zur Not frage ich einen mir bekannten Investmentbanker, der muss doch so was wissen.
Nein, der ganze Plan wäre zu unrealistisch, sagte mein Mann und ging kochen.
Mmmh. Grummel. Warum werde ich eigentlich jedes Mal, wenn ich geniale Ideen habe, ausgebremst? Dabei war es so schön, sich das Gesicht von Frau Vau auszumalen, wenn sie den Anruf meines Mannes entgegen nimmt, der sie um einen Kredit in Höhe von 1 Milliarde Euro bittet.
Wie bitte? Ob wir Sicherheiten haben? Natürlich haben wir Sicherheiten, wir legen doch die 1 Milliarde Euro bei unserer Provinzbank an, die sind doch dann nicht weg! Die Milliarde ist die Sicherheit für sich selbst, so machen das die Banker doch auch! Zur Not würde ich die Milliarde auch auf ein Sparbuch zu 3% anlegen, dann wäre das Sparbuch die Sicherheit.
Das ist zehnmal sicherer als die Kapitalgeschäfte, die die Banker in den letzten Jahren gemacht haben, weswegen ja die Finanzkrise überhaupt gekommen ist. Wenn die Banker so sichere Geschäfte gemacht hätte, wie ich es jetzt vorhatte, hätten wir den ganzen Schlammassel nicht und die FED hätte die Zinsen nicht auf 0 gesenkt und ich hätte nicht so eine genial tolle Idee gehabt.
Aber wie auch immer. Mein Mann wollte Frau Vau nicht damit behelligen. Wohl auch, weil er der Ansicht ist, Frau Vau wäre mit einer solchen Transaktion überfordert. Dabei habe ich immer gelernt, dass man an seinen Aufgaben auch wachsen kann. Frau Vau scheinbar nicht. Aber vielleicht ist das gut so. Nicht, dass mein Mann doch noch mit ihr und den Millionen durchbrennt.
Bildquelle: © Windrose / Pixelio
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